Friedrichshain-Kreuzberg ist geprägt von Arbeiter*innenkämpfen, Teilung und Wiedervereinigung, Migration, Hausbesetzungen, kolonialer Vergangenheit und postkolonialer Gegenwart. Doch die rund 450 Namen der Straßen, Plätze und Brücken spiegeln diese Vielfalt kaum wider. Viele erinnern weiterhin an Personen und Orte aus Macht-, Herrschafts- und Eliten-Zusammenhängen der Kaiserzeit.
Die Ausstellung „umbenennen?!“ beleuchtet die Geschichte und Gegenwart der Straßennamen in Friedrichshain-Kreuzberg und Berlin. Auf der 3. Etage zeigen fünf thematische Module, wie Benennungen seit dem späten 19. Jahrhundert zur Konstruktion einer nationalen Identität beitrugen. Über QR-Codes und eine Begleitbroschüre lassen sich einzelne Straßengeschichten entdecken.
In der 2. Etage lädt die WERKSTADT dazu ein, Aktivismus und Zusammenhänge rund um Straßennamen kennenzulernen. Den Raum hat der Verein Straßenlärm Berlin e. V. zusammen mit dem Museum entwickelt. Im Mittelpunkt stehen Umbenennungen jüngerer Zeit.
Ein Projekt des Aktiven Museums Faschismus und Widerstand in Berlin e. V. und des Arbeitskreises Berliner Regionalmuseen, gefördert durch die Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin.
Entstehung der Straßen in Friedrichshain und Kreuzberg
Als Berlin 1871 zur Hauptstadt des Deutschen Reichs wurde, gab es die Bezirke Friedrichshain und Kreuzberg noch nicht. Die Gegend um den 1846 angelegten Volkspark Friedrichshain und das Gebiet zwischen Stadtzentrum und dem Kreuzberg war noch weitgehend unbebaut.
In den 47 Jahren des Kaiserreichs erlebte Berlin einen enormen Wachstumsschub. Fabriken und Werkstätten siedelten sich an – Berlin wurde zur Industriestadt. Tausende Menschen aus dem Umland sowie aus Preußens östlichen Provinzen kamen auf der Suche nach Arbeit in die Stadt und besiedelten die Vororte. Auf den Gartenflächen im Osten erhoben sich Fabriktürme und Mietskasernen. Und zwischen dem Kreuzberg, der Tempelhofer Vorstadt und der Spree wuchsen bald Gründerzeitbauten, kleine Fabriken und Werkstätten. Erst nach dem Ersten Weltkrieg und mit der Gründung Groß-Berlins entstanden die Bezirke Friedrichshain und Kreuzberg.
Straßennamenfelder in der Ausstellung
Die Namen der neuen Straßen dienten der Orientierung, aber auch der Repräsentation von Kaiserreich und aufstrebendem Bürgertum. Rund um den Ostbahnhof erhielten die Straßen die Namen west- und ostpreußischer Orte – und solchen, die es noch werden sollten. Im neuen Arbeiter*innenviertel im Osten der Stadt entstand der zentrale Vieh- und Schlachthof. Die umliegenden Straßen erhielten die Namen wichtiger Männer aus Wissenschaft und Stadtpolitik. Rund um das Ostkreuz wuchs eine Art Kulturzone, die bis heute floriert und Personen aus Kunst und Kultur auf den Straßenschildern ehrt.
Der Bezirk Kreuzberg wurde 1921 nach dem höchsten Punkt der Tempelhofer Vorstadt benannt, wo bis heute das Schinkeldenkmal zur Erinnerung an die Befreiungskriege gegen Napoleon thront. Vom Kreuzberg über Schöneberg bis nach Charlottenburg erstreckt sich der Generalszug, dessen Straßennamen an die militärische Größe der längst untergegangenen Monarchie Preußen erinnern. Östlich des Kreuzbergs wurden im 19. und 20. Jahrhundert mehrere Straßen nach Literaten und Geisteswissenschaftlern benannt. Die Würdigungen von Personen aus Militär, Kultur und Wissenschaft trugen im Kaiserreich und auch im Nationalsozialismus zur Konstruktion einer nationalen Identität bei.
