Prestigeprojekt Schlachthof

Am 15. August 1881 erhielt die Straße Nr. 61 Abt XIII, die von der Frankfurter Allee direkt zum Schlachthof führt, den Namen Proskauer Straße. Im oberschlesischen Proskau bei Oppeln war 1847 die Landwirtschaftliche Akademie Proskau entstanden, die im Eröffnungsjahr des Vieh- und Schlachthofes in die Hauptstadt zog und zur Königlich Landwirtschaftlichen Hochschule in Berlin wurde. 
Im selben Jahr wurde eine Straße nach dem Begründer der landwirtschaftlichen Lehre, Albrecht Daniel Thaer (1752–1828), benannt. Er hatte 1806 in Möglin ein landwirtschaftliches Lehrinstitut gegründet und war mit einer Professur für Ackerbau einer der ersten Professoren der Berliner Universität. 

Wirkung in die Gegenwart

Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit wirkte Thaer auch an der Entstehung der preußischen Agrargesetze mit und veröffentlichte Theorien zur Verbesserung der Landwirtschaft. Einer seiner Ansätze war die Humustheorie, nach der Pflanzen sich direkt aus der organischen Substanz des Bodens – dem Humus – ernähren. Weiterentwickelt zur Mineralstofftheorie wurde dieser Ansatz von Philipp Sprengel (1787–1859) und Justus von Liebig (1803–1875). 

Nach dem Zweiten Weltkrieg, 1945, wurde Proskau polnisch und trägt heute den Namen Prószków. 2014 wurde die Landwirtschaftliche Hochschule, die einst aus Proskau nach Berlin umzog, in Albrecht Daniel Thaer-Institut für Agrar- und Gartenbauwissenschaften umbenannt.
 

Die 1861 benannte Augsburger Straße passte nicht in das Namenskonzept der Straßen rund um den Schlachthof, die berühmte Hygieniker würdigen sollten. Deswegen wurde sie am 15. August 1881 umbenannt und ehrt seitdem den Chemiker und Politiker Justus von Liebig (1803–1873).

Von Liebig war 1864 durch das Ministerium für die landwirtschaftlichen Angelegenheiten in den preußischen Staatsdienst berufen worden. Bekannt war er für sein Verfahren zur Herstellung des Liebig Fleischextrakts. Vertrieben wurde dieser zunächst in der Königlichen Hofapotheke Max von Pettenkofers (1818–1901), dem seit 1905 ebenfalls eine Straße in der Nähe des Schlachthofes gewidmet ist.

Koloniale Brühwürfe

1865 gründete der Ingenieur Georg Giebert in London die Firma Liebig's Extract of Meat Company. Sie züchtete Rinder in Südamerika sowie auf dem afrikanischen Kontinent in den Kolonien „Süd-Rhodesien” (heute Simbabwe) und „Deutsch-Südwestafrika” (heute Namibia). Die Aktionäre wurden Mittäter einer kolonialen Wirtschafts- und Sozialpolitik – so auch von Liebig und sein Freund und Kollege Pettenkofer, die die Endprodukte kontrollierten und mit einem Gütesiegel versahen.

Ein sichtbares Zeugnis dieses Unternehmens ist das Liebig-Haus im heutigen Namibia. 1911 erwarb die Firma dort 200.000 Hektar Land und errichtete dort ein Haus für die Mitarbeitenden. Die koloniale Dimension des Liebig Fleischextrakts zeigte sich auch durch die sogenannten Liebig-Bilder – Sammelbilder, die oft zeittypische koloniale Szenen zeigten und dem Produkt beilagen.
 

Am 4. April 1895 wurde eine Fläche vor dem Schlachthofgelände nach Max von Forckenbeck (1821–1892) benannt – dem Oberbürgermeister von Berlin während der Planung des zentralen Vieh- und Schlachthofs. Forckenbeck war für den Ankauf des Geländes von der Gemeinde Lichtenberg verantwortlich.

Von Forckenbeck war zunächst Rechtsanwalt und wurde 1858 ins preußische Abgeordnetenhaus gewählt, wo er gemäßigt liberale Positionen vertrat und 1861 gemeinsam mit Rudolf Virchow die Deutsche Fortschrittspartei gründete. Ab 1872 war er Oberbürgermeister von Breslau und von 1878 bis zu seinem Tod 1892 von Berlin. Er begleitete die Stadt in vielerlei Hinsicht durch eine intensive Entwicklungsphase.

Grünanlagen-Vorreiter

Max von Forckenbeck widmete sich einer Reform des Schulwesens, machte sich mit der Fertigstellung der Kanalisation verdient und organisierte die Stadtreinigung. Außerdem wurden während seiner Amtszeit zahlreiche Plätze mit Bäumen begrünt und in den Arbeiter*innenvierteln Parks angelegt. Ein Beispiel ist der Kreuzberger Viktoriapark. 

Nach Forckenbecks Tod wurde debattiert, wo er geehrt werden sollte. Auch die Hasenheide kam als Standort in Betracht. Schließlich erschien der begrünte Platz vor dem Schlachthof als ein würdiger Ort für die posthume Ehrung.
 

Am 28. Juni 1907 wurde eine Straße im heutigen Samariterviertel nach dem Anatomen Wilhelm von Waldeyer-Hartz (1836–1921) benannt. Der Magistrat begründete die Namenswahl mit der Nähe zur Pettenkoferstraße und dem Schleidenplatz, die wegen der Lage am Schlachthof ebenfalls nach berühmten Naturwissenschaftlern hießen.

Die Pettenkoferstraße hatte ihren Namen 1905 nach dem Chemiker und Hygieniker Max von Pettenkofer (1818–1901) erhalten, der außerdem ein Fachkollege Justus von Liebigs war. Im selben Jahr war der Schleidenplatz nach dem Botaniker Matthias Jacob Schleiden (1804–1881) benannt worden.

Rassistische Forschungen

Von Waldeyer-Hartz war nach seinem Studium in Göttingen, Greifswald und Berlin zunächst als Professor für Pathologische Anatomie in Breslau tätig und hatte anschließend einen Lehrstuhl in Straßburg inne. Von 1898 bis 1899 war er Rektor der Friedrich-Wilhelms-Universität, der heutigen Humboldt-Universität. Ab 1893 war er wechselnd stellvertretender und erster Vorsitzender der von Rudolf Virchow gegründeten Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte.

Als Leiter des Anatomischen Instituts der Berliner Universität widmete von Waldeyer-Hartz sich rassenanthropologischen Studien. Das Forschungsmaterial dazu erhielt er von seinem Kollegen Leonhard Schultze (1872–1955), der während des Kolonialkriegs menschliche Überreste der Bevölkerung „Deutsch-Südwestafrikas“ sammelte. 1906 publizierte Waldeyer-Hartz die Schrift „Gehirne südwestafrikanischer Völker“.