Die dichte Besiedelung und der Bevölkerungszuwachs im 19. Jahrhundert in Berlin führten zu hygienischen Problemen. Von privaten Schlachtbetrieben gingen Seuchen und Krankheiten aus. Der Arzt und Stadtverordnete Rudolf Virchow (1821–1902) forderte die Errichtung eines zentralen Vieh- und Schlachthofs. 1862 fasste der Magistrat den entsprechenden Beschluss.
Da ein Schlachthof Dreck, Gestank und Gedränge verursachte, war der Standort umstritten. Auch der finanzielle Aufwand drohte das Projekt zu gefährden. Schließlich entschied sich die Stadt für ein Arbeiter*innenviertel im Osten. 1876 kaufte sie Land von der damals eigenständigen Gemeinde Lichtenberg, wo 1881 der Zentrale Vieh- und Schlachthof eröffnete.
Vorbilder aus der Agrar- und Hygienewissenschaft
Zu diesem Anlass wurden in den angrenzenden Vierteln des heutigen Friedrichshains Straßen (um)benannt. Geehrt wurden Kommunalpolitiker, die zum Erfolg des Projekts beigetragen hatten, landwirtschaftliche Lehranstalten und berühmte Vertreter der Agrar-, Hygiene- und Naturwissenschaften.
Die Förderung dieser Wissenschaften im 19. Jahrhundert entsprang einem bürgerlichen Selbstverständnis, das die Erforschung der Welt mit einem nationalen Geltungsdrang verband. Zwischen den nach bedeutenden Männern benannten Straßen lagen enge Arbeiter*innenquartiere.
Realität der Stadt
Als Folge der kaum ausgebildeten Sozialpolitik des Kaiserreichs bildete sich ein breiter bürgerlicher Wohlfahrtsapparat heraus. In den als „Problemviertel“ bezeichneten Stadtteilen entstanden Suppenküchen und Tagesstätten. Teilweise waren Sozialarbeiter*innen auch von der ärmsten Bevölkerungsschicht fasziniert. Diese wurden mit missionarischem Eifer und anthropologischem Interesse betrachtet und als vom Bürgertum grundverschieden eingeordnet.






