Dichter, Denker und die deutsche Nationalbewegung

Die Straße 5 wurde am 1. November 1874 nach dem nur wenige Jahre zuvor verstorbenen Sprachforscher und Professor August Boeckh (1785–1867) benannt. Er gehörte ebenso wie Albrecht Daniel Thaer zu den ersten Professoren der 1809 gegründeten Berliner Universität.

Die ersten Universitätsjahre waren eng mit der napoleonischen Besatzung und den Befreiungskriegen verbunden. Nach der Niederlage Napoleons feierte die noch junge Einrichtung ihr viertes Jubiläumsfest, bei dem Boeckh als Festredner auftrat und die ersten Ehrendoktorwürden der Universität verlieh. Die Generäle Tauentzien, Yorck, Bülow und Gneisenau wurden mit der philosophischen Doktorwürde bedacht. 

Mitwirkung beim Kreuzberg

Boeckh wirkte auch bei der Entstehung des Kreuzbergdenkmals mit, indem er die Widmungsinschrift an dessen Sockel verfasste. 1857 erhielt er die Ehrenbürgerwürde Berlins.

2005 wurde das August-Boeckh-Antikezentrum an der heutigen Humboldt-Universität zu Berlin gegründet. Die Namensgebung wird mit der Forderung Boeckhs begründet, die Antike ganzheitlich – historisch, philologisch und archäologisch – zu erforschen, weshalb er als Begründer der Interdisziplinarität in den Altertumswissenschaften gilt.
 

Die Straße wurde am 1. November 1874 nach den Brüdern Jacob (1785–1863) und Wilhelm (1786–1859) Grimm benannt, die als Sprachwissenschaftler, Bibliothekare und Märchensammler bekannt sind. Sie begründeten mit ihrem „Deutschen Wörterbuch” die Germanistik als Disziplin und lehrten ab 1840 an der Berliner Universität.

Neben ihren Schriften zur deutschen Rechtschreibung betrieben sie auch Sprachforschung. Wilhelm Grimm veröffentlichte 1821 ein Werk über deutsche Runen, 1829 „Die deutsche Heldensage”, während Jacob Grimm 1835 das Buch „Deutsche Mythologie” herausbrachte. Die Schriften spiegeln ebenso wie die 1812 veröffentlichten „Kinder- und Hausmärchen” das gesteigerte Interesse und die Suche nach frühneuzeitlichen Kontinuitäten deutscher Sprache und Sage wider. 

Antisemitismus

Die Märchen der Gebrüder Grimm sind noch heute populär. Auch die Humboldt-Universität zu Berlin ehrt die Brüder im Stadtraum – die Zweigbibliothek für Geistes-, Kultur-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften der 1831 gegründeten Universitätsbibliothek ist seit 2009 nach ihnen benannt.

In ihren Schriften und Briefen finden sich zahlreiche Aussagen gegen jüdische Personen. Diese sind in den „Kinder- und Hausmärchen” stets negativ dargestellt und reproduzieren judenfeindliche Stereotype. Darüber hinaus war Jacob Grimm ein Gegner der rechtlichen Gleichstellung jüdischer Menschen.
 

Am 30. Dezember 1878 beschloss der Berliner Magistrat per Kabinettsordre die Benennung von zwei Straßen nach Ernst Moritz Arndt (1769–1860), die am 19. Februar 1879 erfolgte. Arndt war Professor für Philosophie und Geschichte in Greifswald und Bonn und Vertreter der nationalen Einheitsbewegung, der er mit dem Lied „Was ist des Deutschen Vaterland” die inoffizielle Hymne lieferte.

Als Folge seiner Teilnahme beim Wartburgfest 1817 und seiner politischen Äußerungen erhielt er 1819 ein Berufsverbot für die universitäre Lehre. Er engagierte sich weiter für einen deutschen Staat mit einer konstitutionellen – durch ein Parlament kontrollierten – Monarchie und nahm 1848 als Abgeordneter an der Frankfurter Nationalversammlung teil.

In nationalistischer und antisemitischer Erinnerung

Nach seinem Tod 1860 wurde Arndt als Lyriker der Befreiungskriege geehrt und 1899 eine Büste von ihm im Viktoriapark aufgestellt. Heute ist er auch für seinen antifranzösischen und aggressiven Nationalismus und antisemitische Äußerungen in Werken und Briefen bekannt.

Die Nationalsozialisten nutzten Arndts Werk propagandistisch, etwa in kurzen Zitaten auf Postkarten. 1933 benannten sie die Greifswalder Universität nach ihm um. 2018 folge deren Namensänderung nach Studierendenprotesten und Debatten um den Antisemitismus in Arndts Schriften.
 

Die Riemannstraße wurde am 1. Dezember 1936 nach dem Theologen, Lehrer und Burschenschaftler Heinrich Arminius Riemann (1793–1872) benannt. Nach seinem Einsatz in den Befreiungskriegen kehrte er nach Jena zurück und gründete dort die Urburschenschaft – eine der ersten studentischen Vereinigungen mit nationalen Zielen.

Am 18. Oktober 1817 organisierte diese zum Gedenken an die Reformation und die Völkerschlacht bei Leipzig das Wartburgfest. Riemann hielt vor 500 Studenten die Festansprache, in der er zu Freiheit und Einheit aufrief. Das Wartburgfest war auch ein Protest. In zahlreichen Redebeiträgen äußerten sich die Teilnehmenden kritisch zu versprochenen, aber ausgebliebenen Reformen der Landesfürsten und verbrannten symbolisch Schriften, die sie als antiliberal ansahen.

Turnen in Eutin

Riemann war zudem ein begeisterter Turner. 1821 gründete er, inspiriert vom Gründer der Burschenschaftsbewegung Friedrich Ludwig Jahn (1778–1852) – Namensgeber der 1885 benannten Jahnstraße – einen Turnverein im schleswig-holsteinischen Eutin, der bis heute besteht. Wie Jahn sah Riemann im Turnsport eine Stärkung und Schulung der Wehrfähigkeit deutscher Männer.

Im Nationalsozialismus wurde Riemann zur Projektionsfläche völkischer Ideale. Seine Rede beim Wartburgfest 1817 mit der symbolischen Verbrennung von Schriften wurde zum Vorbild für die nationalsozialistische Bücherverbrennung 1933. Die Straßenbenennung im Olympiajahr 1936 unterstrich Riemanns Bedeutung in der Turnbewegung.