Blick nach Osteuropa

Durch die Verlängerung der 1905 benannten Grünberger Straße verschwand die Romintener Straße 1936 aus dem Stadtplan. 1899 war sie der Rominter Heide gewidmet worden.

Das Gebiet am heutigen Dreiländereck Polen-Litauen-Russland war ab 1890 kaiserliches Hofjagdrevier, in dem Kaiser Wilhelm II. (1859–1941) ein kleines Jagdschloss unterhielt. Nach einem anderen Ausflugsort des Kaisers benannte der Magistrat 1902 die Kadiner Straße, nämlich nach dem Kaiserlichen Landsitz Cadinen, heute Kadyny, im ehemaligen Westpreußen.

Rominten im Nationalsozialismus

1935 übernahm Hermann Göring (1893–1946) in seiner Funktion als Reichsforst und -jägermeister das Gelände in Rominten. In der Nähe des Jagdschlosses baute er bis 1936 den Reichsjägerhof, der ihm ab Beginn des Russlandfeldzugs 1941 als Hauptquartier diente.

Möglicherweise hing dies mit der Umbenennung der Romintener Straße 1936 zusammen. Im selben Jahr, am 23. April 1936, wurde die westlich des Olympiageländes gelegene Rominter Allee in Charlottenburg getilgt. Zugleich wurde eine Straße an der Ostseite des Geländes in Rominter Allee umbenannt. 

Heutige Namen

Der heutige Straßenname bezieht sich auf den schlesischen Ort Grünberg, der seit 1945 unter dem Namen Zielona Góra zu Polen gehört. Die Rominter Heide liegt heute in Russland und heißt nun Krasnolesje.
 

Die Benennung der Revaler Straße am 3. September 1903 begründete der Magistrat mit der Erinnerung an die „Zweikaiserzusammenkunft” im Vorjahr. Reval ist der historische Name der heutigen estnischen Hauptstadt Tallinn. Hier trafen sich 1902 der Deutsche Kaiser Wilhelm II. (1859–1941) und Zar Nikolaus II. von Russland (1868–1918). Sie besprachen Handels- und Zollverträge und präsentierten sich in der Revaler Bucht gegenseitig ihre Marineeinheiten.

Hauptstadt von Estland

Reval lag im Mittelalter am äußersten Rand des Deutschordensstaats im Baltikum. Im 16. Jahrhundert fiel die Stadt unter schwedische Schutzherrschaft, jedoch lebte weiterhin eine deutschsprachige Minderheit – auch „Deutschbalten” genannt – in diesem Gebiet.

Am 24. Februar 1918 wurde die Republik Estland ausgerufen. Anschließend erhielt die Stadt Reval den offiziellen Namen Tallinn. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte war Estland wiederholt von sowjetischer und deutscher Seite bedroht und besetzt. 1941 nahm die deutsche Wehrmacht Tallinn ein, mit dem Ziel, Estland dem Deutschen Reich wieder anzugliedern.

Als nach Ende des Zweiten Weltkriegs der sowjetische Generaloberst und Stadtkommandant von Berlin, Nikolai Bersarin (1904–1945), bei einem Motorradunfall starb, wurden ihm zu Ehren am 31. Juli 1947 der Baltenplatz und die Petersburger Straße umbenannt.

Der 1895 benannte Baltenplatz erinnerte mitnichten an das sogenannte Baltikum, das heutige Estland, Litauen und Lettland. Der Name bezog sich stattdessen auf die „Deutschbalten”, eine einflussreiche deutsche Minderheit, die seit dem 12. Jahrhundert im heutigen Estland und Lettland siedelte. Ab 1908 gab es Planungen, auf dem Baltenplatz ein Kolonialdenkmal zu errichten. Der Vorschlag wurde rege diskutiert, bis der Erste Weltkrieg den Denkmalbau verhinderte.

Streit um Rückbenennung

Nach 1990 wurden viele Straßen der ehemaligen DDR-Hauptstadt mit kommunistischen und sozialistischen Bezügen um- und rückbenannt, so auch 1991 die Bersarinstraße in die Petersburger Straße. Auch über die Rückbenennung des Bersarinplatzes wurde kontrovers debattiert.

1994 sprach sich die vom CDU-Verkehrssenator Herwig Haase einberufene sogenannte Unabhängige Kommission zur Umbenennung von Straßen dafür aus, dem Platz den alten Namen nach den „Deutschbalten” wiederzugeben. Dagegen regte sich Protest aus der Zivilgesellschaft: Bersarin sei weiterhin erinnerungswürdig. Auch sei der Platz nicht während der DDR benannt worden, womit die rechtlichen Kriterien für eine Namensänderung nicht erfüllt seien. Das Bezirksamt Friedrichshain unter dem SPD-Bezirksbürgermeister Helios Mendiburu sprach sich gegen eine Rückbenennung aus. 1995 wurde entschieden, den Namen Bersarinplatz beizubehalten.
 

Seit dem 12. Dezember 2025 ehrt die Regina-Jonas-Straße die weltweit erste Rabbinerin Regina Jonas (1902–1944). Sie wurde 1935 ordiniert und 1942 nach Theresienstadt deportiert.

1949 war die Straße in Kohlfurter Straße nach einem Ort in Schlesien umbenannt worden, der zu diesem Zeitpunkt, vier Jahre nach Kapitulation der Wehrmacht, bereits Węgliniec hieß. Zeitgleich erhielt auch die Ohlauer Straße ihren Namen nach einem einst deutsch besiedelten Ort in Polen, heute Oława. Vermutlich wurden die beiden Straßen in Erinnerung an die Vertreibung deutscher Bewohner*innen aus den schlesischen Gebieten benannt.

Drohgeste

Die Parteien der BRD und die ab 1945 entstandenen Vertriebenenverbände sahen die Vertreibung und die polnische Verwaltung als Unrecht an. Zum „Tag der Heimat“ am 3. August 1952 versammelten sich in der Waldbühne 25.000 Menschen zu einer Kundgebung. Zeitgleich wurden Straßenschilder mit den Städtenamen der ehemals deutschen Orte aufgestellt – allesamt nach Osten gerichtet.

Eine Woche später wurde das vom Kreuzberger Bezirksbürgermeister Willy Kressmann (1907–1986) initiierte Holzkreuz zur Erinnerung an die „Heimatvertriebenen“ im Viktoriapark eingeweiht. Erst Ende der 1960er-Jahre fand im Zuge von Willy Brandts Ostpolitik mit der Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze ein Kurswechsel statt. Dies betrachteten Unionsparteien und Vertriebenenverbände jedoch weiterhin kritisch.