Auf der Suche nach Arbeit kamen im 19. Jahrhundert hunderttausende Menschen mit der Ostbahn aus Preußens östlichen Provinzen in die neue Reichshauptstadt. Die zum Teil polnischsprachigen Arbeiter*innen bewohnten die Mietskasernen rund um den Schlesischen Bahnhof, den heutigen Ostbahnhof.
Die neu entstehenden Straßen vom Schlesischen Bahnhof bis über die Spree benannte der Berliner Magistrat nach Orten in Schlesien, Ost- und Westpreußen. Die Straßennamen dienten dazu, die Ortschaften des expandierten Reiches im Bewusstsein der Berliner*innen zu verankern.
Imperiale Geste
Der preußische Expansionismus – das Bestreben, Einfluss und Territorium nach Osten auszudehnen – knüpfte an den Deutschen Orden an, der vom 13. Jahrhundert bis ins 16. Jahrhundert ein Gebiet von Pommern bis Estland kontrollierte.
Ende des 18. Jahrhunderts teilten Preußen, Russland und Österreich Polen-Litauen unter sich auf. Dies ermöglichte später den Bau der Ostbahn von Berlin bis zur russischen Grenze.
Brüder statt Bedrohung
Nach dem Ersten Weltkrieg fielen Großteile Ost- und Westpreußens, Teile der Provinzen Posen und Oberschlesien an die Zweite Polnische Republik. Schon 20 Jahre später überfiel das nationalsozialistische Deutsche Reich Polen im Zweiten Weltkrieg. Als Resultat der bedingungslosen Niederlage der Wehrmacht wurden die „deutschen Ostgebiete” mit dem Potsdamer Abkommen 1945 Polen zugesprochen. Während die DDR die Oder-Neiße-Grenze 1950 anerkannte, fand die völkerrechtliche Bestätigung der Bundesrepublik erst 1990 statt.
Die Straßennamen nach nun polnischen Orten störten in der Hauptstadt der DDR das Verhältnis zum Bruderstaat Polen. Einige Straßen wurden umbenannt. Ganz anders war der Umgang im West-Berliner Stadtteil Kreuzberg. Hier hielten Vereine von „Heimatvertriebenen” die Erinnerung an die ehemals deutschen Orte hoch.





